KBV

Hausärzte sind Dreh- und Angelpunkt der Primärversorgung

Acht Forderungen für die zukünftige Gesundheitspolitik hat die KBV beschlossen – unter anderem ein primärärztliches Modell mit Hausärzten im Zentrum.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat sich für ein primärärztliches Versorgungsmodell mit Hausärzten als "Dreh- und Angelpunkt" ausgesprochen. Das sagte KBV-Vize Dr. Stephan Hofmeister im Interview mit "Der Hausarzt" am Rande der Vertreterversammlung am 22. Mai in Freiburg (Breisgau).

Die KBV fordert außerdem, dass die Krankenkassen für diese Koordinierung der Patienten ein sogenanntes Einschreibemodell anbieten. Darüber könnten Patienten beispielsweise Boni erhalten, wenn sie etwa als Chroniker zuerst immer ihren koordinierenden Arzt aufsuchen. Ein ähnliches Modell fordert seit längerem der Deutsche Hausärzteverband.

"Natürlich ist der originäre Primärversorger der Facharzt für Allgemeinmedizin, der breit ausgebildet ist und insbesondere multimorbide und chronisch kranke Patienten behandelt", sagte KBV-Vize Hofmeister im Video-Interview. Unabhängig davon könne eine 18-jährige Frau auch gut beim Gynäkologen versorgt sein, wenn sie keine andere Erkrankung habe.

Die KBV-Forderung ist Teil eines in Freiburg beschlossenen Acht-Punkte-Programms für die anstehende Bundestagswahl im September. Eine deutliche Abfuhr erteilte die KBV-Vertreterversammlung, die das Konzept einstimmig in Freiburg angenommen hat, einer Bürgerversicherung, wie sie etwa die SPD fordert. Die Abschaffung der PKV wäre "Gift für die Versorgung unserer Patienten", sagte KBV-Vorstandschef Dr. Andreas Gassen.

In der – zuletzt hitzigen – Debatte um die Notfallversorgung zeichnet sich derweil ein Schulterschluss zwischen Klinikärzten und Niedergelassenen ab. So war am Wochenende in Freiburg der Chef des Marburger Bunds (MB), Rudolf Henke, auf die KBV zugegangen. Gemeinsam wolle man eine Lösung für das Problem überlaufener Notaufnahmen finden. Derzeit werden zwischen KBV und MB Termine für Gespräche sondiert.

"Einheitliche Benutzeroberfläche" für den Notdienst

"Das Inanspruchnahmeverhalten der Patienten ist manchmal völlig ungerichtet und nicht immer logisch zu begründen", sagte KBV-Chef Gassen im Video-Interview mit "Der Hausarzt". Ihm schwebt eine "einheitliche Benutzeroberfläche" in Form der schon etablierten bundesweiten Notdienstnummer 116117 vor. Dahinter soll in Zukunft eine 24 Stunden erreichbare Telefontriage erfolgen, in der eine Ersteinschätzung vorgenommen wird und die Patienten "an die adäquate Versorgungsebene" zugewiesen werden, wie es im KBV-Konzept heißt.

Das langfristige Ziel sei die Zusammenlegung des heutigen kassenärztlichen Bereitschaftsdienst und der kommunalen Rettungsdienste, so Gassen. Einem "dritten Versorgungssektor" für die notfallmedizinische Versorgung erteilte der KBV-Chef jedoch eine Absage. Die Sicherstellung liege in den Händen der niedergelassenen Ärzte.

Zudem fordert die KBV in ihrem Programm eine Weiterentwicklung des Belegarztsystems unter "Einbindung hausärztlicher Kompetenz". Davon erhoffen sich die Vertreter eine Entlassung der Kliniken von "vermeidbaren" Krankenhausfällen, etwa wegen kleineren Erkrankungen, die ebenso gut ambulant behandelt werden könnten. Die KBV spricht von rund 3,7 Millionen Fällen jährlich – das sind immerhin gut 18 Prozent aller stationären Fälle im Jahr.

EBM ohne Budgetierung

In ihrem Acht-Punkte-Programm fordert die KBV außerdem eine EBM-Reform, mit der die Budgetierung beendet werden soll: Dafür sollte die Vergütung künftig vor allem über Pauschalen erfolgen, und zwar überall dort, wo "Leistungen das Maß des Ausreichenden, Zweckmäßigen, Wirtschaftlichen und Notwendigen" überschreiten können. Damit sollen Mengenausweitungen vermieden werden. In allen anderen Bereichen, in denen eine Mengendynamik erwünscht sei, sollten weiterhin Einzelleistungen vergütet werden. Details nennt das KBV-Konzept hier jedoch nicht.

Und auch die Akademisierung der Pflegekräfte macht vor der KBV nicht halt. In einem Antrag hat die Vertreterversammlung die sogenannten Physician Assistants "zustimmend zur Kenntnis genommen". Physician Assistants sollen Ärzte stärker entlasten, als es bspw. Pflegekräfte heute tun können.

In der Regel haben sie vorher einen medizinischen Fachberuf erlernt, um sich dann in einem sechsmonatigen Bachelor-Studium weiterzuqualifizieren. Die KBV fordert angesichts diese neuen Berufsbilds eine "Weiterentwicklung delegationsfähiger Leistungen", lehnt eine Substitution ärztlicher Tätigkeiten ab – ebenso wie die meisten anderen ärztlichen Verbände.

(D. Nößler)