120. Ärztetag

Digitalisierung ohne WLAN

Die Deutsche Ärzteschaft will der Industrie nicht das Feld für die Digitalisierung überlassen. Die Delegierten des 120. Ärztetags wollen gestalten, nur hapert es an konkreten Vorstellungen, was Digitalisierung bedeutet. Dennoch gab es in Freiburg einige wegweisende Beschlüsse.

Es sollte wohl ein böses Omen sein: Digitalisierung ist das große Leitthema beim diesjährigen 120. Deutschen Ärztetag in Freiburg. Doch schon am ersten Verhandlungstag versagte in der Halle das WLAN. Die Anträge konnten über das eigens eingerichtete Online-Portal nicht eingesehen werden und Abstimmungen mussten zunächst verschoben werden.

Am Mittwoch (24.5.), als die Digitalisierung der große Tagesordnungspunkt war, versagte dann das Mikrofon von BÄK-Präsident Prof. Frank Ulrich Montgomery zunächst seinen Dienst. Und der erste Referent des Leitthemas, der Blogger Sascha Lobo, stand am Morgen beinahe vor der Abreise: Offenbar konnte er seine Präsentation nicht so vorführen, wie es technisch von ihm "bestellt" war. "Normalerweise reise ich in solchen Momenten wieder ab", raunzte er einen Verantwortlichen an.

Er blieb dann doch – und konnte den Ärzten eindrückliche Worte mit auf den Weg geben. Die Ärztetagsdelegierten haben sich kurz darauf in zahlreichen Entschließungsanträgen für einen deutlich intensiveren Umgang mit der Digitalisierung ausgesprochen. Montgomery will gar einen breiten Stimmungswandel in der Ärzteschaft ausgemacht haben: "Ehemalige vehemente Gegner haben sich jetzt an die Spitze der Bewegung gesetzt."

"Gruselige" Teile der Digitalisierung

Jedoch wurden die Delegierten mit ihren Vorschlägen zur Digitalisierung nur in wenigen Teilen konkret, was auch an begrifflichen Irritationen (von Telematik über Telemedizin bis Big Data) liegen dürfte. Am weitreichendsten waren denn auch die Beschlüsse des Ärztetags, Curricula zur Digitalkompetenz etwa in die Weiterbildungsordnung aufzunehmen und bundesweit das Verbot ausschließlicher Fernbehandlungen in der Musterberufsordnung zu streichen (siehe separater Bericht).

Der Digitalexperte Sascha Lobo forderte die Ärzte in Freiburg auf, die Digitalisierung nicht abzuwehren. Der Prozess sei nicht aufzuhalten, wir lebten in einer "Zeit des exponentiellen Fortschritts". Lobo: "Sie sind verpflichtet, die Digitalisierung mitzugestalten!" Und das gerade auch, weil es "gruselige Teile" gebe. Auch der Vorsitzende des BÄK-Ausschusses für Telematik, Dr. Franz Bartmann, mahnte seine Kollegen: "Haben Sie nicht die Illusion, wir könnten es verbieten." Unter den Delegierten herrschte dazu weitgehend Zustimmung.

Nach Lobos Worten "entstehen täglich neue Datenströme, die disruptive Auswirkungen haben können". Damit meint er technische Innovationen wie die Idee von Google für eine App, die über Fotos von Nahrungsmitteln automatisch die Kalorien- und Nährstoffmenge ermittelt. Oder die Vision, dass es in Kürze Nano-Roboter geben könnte, die im Gehirn implantiert werden und per Funk direkt mit dem Internet verbunden sind. Lobo: "Es gibt einen Punkt, ab dem die Digitalisierung gruselig wird."

Bequemlichkeit macht Menschen zu Exhibitionisten

Nur sind es eben nicht ausschließlich die Innovationen, die die Gesellschaft verändern, sondern die Nutzer, die diese Anwendungen einsetzen. "Wir erleben eine zunehmende Datenbegeisterung der Menschen", so Lobo. "Sie lieben es, Daten zu teilen. Und diese Datenbegeisterung hat keine natürliche Grenze."

Daten würden zum neuen Tauschmittel, die neue Weltmacht heiße "Convenience". "Gegen ein bisschen Bequemlichkeit sind die Leute bereit, ihre Daten herzugeben." So gibt es ein Pflaster, das auf die Haut von Babys geklebt, kontinuierlich deren Körpertemperatur misst – und freilich unablässig an den Anbieter der App übermittelt, ohne zu wissen, was der mit diesem Datenschatz tut. Oder die Website hulahq.com aus den USA: Dort können Menschen ihre Geschlechtskrankheiten melden, verifizieren lassen und anschließend mit ihren Freunden teilen.

Ist Daten-Exhibitionismus per se noch kein Problem für die Ärzteschaft, wird er es spätestens, wenn die Patienten mit den Daten aus ihren Apps in der Arztpraxis aufschlagen. "Diese Datenströme reichen immer mehr in Ihre Kompetenz hinein", rief Lobo den Delegierten ins Gewissen. Die junge Generation, die ungezwungen mit ihrem digitalen Informationskonvolut umgeht, fordert von den Ärzten bereits offensiv einen Umgang mit solchen Daten ein. Lobo: "Das bedeutet, dass Ärzten grundsätzlich mehr gesellschaftliche Aufgaben zugeschrieben werden, nämlich Digitalkompetenz."

Warnung vor einer bestimmenden Industrie

Erschwerend kommt hinzu, dass diese Form der Digitalisierung derzeit fast ausnahmslos durch große Unternehmen betrieben wird – allen voran Firmen wie Google, Apple oder Facebook. Aber auch andere Konzerne, darunter der Autobauer Mercedes Benz, wollen in der digitalen Gesundheitsindustrie mitmischen. Letzterer will seine Autos, mit zig Sensoren ausgestattet, zu "Health Hubs" und "Vitality Coaches" machen.

Diese Industrialisierung ist es, was die Ärzteschaft mit Sorge umtreibt, und was die Medizinethikerin Prof. Christiane Woopen, als ein "größeres Problem für die Ärzteschaft" bezeichnete. Nämlich: "Wenn in Zukunft jeder Servicemitarbeiter bei Apple auf jede Gesundheitsfrage die richtige Antwort und mehr Zeit für Zuwendung hat" als Ärzte.

Daten seien die neue Währung unserer Zeit, so Woopen: "Wer die Daten hat, hat die Macht." Die "Datenmilliardäre" der Industrie hätten eigene Vorstellungen, wie die neue Welt aussehen soll. Deshalb müsse man wachsam sein, mahnte sie und forderte eine ärztliche "Zukunftswerkschaft" einzurichten. "Dann wird aus Befürchtung eine Perspektive."

Tenor beim Ärztetag war denn auch, dass man die Digitalisierung selbst aktiv mit gestalten müssen, um "den Konzernen" nicht das Feld zu überlassen. Die Delegierten fordern deshalb vom Gesetzgeber, eine Digitalisierungsstrategie zu schaffen, die

  1. die ethischen Grundsätze,
  2. die "Rolle" digitaler Methoden für die Gesundheitsversorgung,
  3. den Datenschutz etwa für Big-Data-Anwendungen,
  4. Rahmenbedingungen für die Finanzierung und
  5. die rechtlichen Gesichtspunkte klärt.

Digitalkompetenz in Studium und Weiterbildung lernen

Sehr weitreichend dürfte jedoch der Beschluss sein, Curricula zur Digitalkompetenz einzuführen. Diese sollen sowohl fester Bestandteil im Medizinstudium werden und ein eigener Baustein in der Musterweiterbildungsordnung (MWBO).

Außerdem haben sich die Delegierten dafür ausgesprochen, innerhalb der Bundesärztekammer eine Arbeitsgruppe zur Digitalisierung zu gründen. Diese Einrichtung soll sich mit Fragen befassen, die die Sicherheit und Anfälligkeit von Praxis- und Kliniksystemen, telemedizinischen Anwendungen und Gesundheitsapps betrifft. Da eine solche Arbeitsgruppe kostenrelevant ist, wurde der Antrag zur Beratung an den Vorstand überwiesen.

In weiteren Entschließungen hat sich der Ärztetag dafür ausgesprochen:

  • die elektronische Patientenakte (ePA) zügig umzusetzen und einen verbindlichen Zeitplan festzulegen;
  • einheitliche Marktzugangsregeln und verbindliche Zertifizierungen für E-Health-Innovationen zu schaffen;
  • E-Health-Anwendungen außerhalb der morbiditätsbedingten Gesamtvergütung zu finanzieren;
  • für telemedizinische Verfahren wissenschaftliche Evaluationen durchzuführen;
  • IT-Hersteller in die "Pflicht" zu nehmen, Software benutzerfreundliche zu machen und Ärzte nicht als "Beta-Tester zu missbrauchen";
  • von Herstellern digitaler Gesundheitsdienste zu fordern, diese für die gesamte Breite der angesprochenen Patienten zugänglich zu machen;
  • ein staatliches Sonderprogramm zu verlangen für die Modernisierung der Krankenhaus-IT über 10 Milliarden Euro für die nächsten sechs Jahre;
  • ein "digitales Medizinprodukt" sowie ein "Gütesiegel" für Apps und Co. und entsprechenden Zugangsregelungen einzuführen, wenn sie für die Behandlung eingesetzt werden sollen;
  • den Online-Rollout der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) solange auszusetzen, bis ein reibungsloser Ablauf in Praxen und Kliniken nachgewiesen wird;
  • die Frist für die Installation der Konnektoren für die Telematikinfrastruktur auf den 1.07.2019 zu verlängern und die Sanktion der Honorarabsenkung aufzuheben;
  • einen Rechtsrahmen die digitalen Techniken zu schaffen, der insbesondere die Datenflüsse transparent macht, ein Recht auf Einsichtnahme und widerrufbare Zustimmung gewährt, und den Daten einen Sonderstatus zum Schutz etwa vor behördlichen Eingriffen einräumt.

Außerdem fordern die Delegierten, die Gesetzeslage zu Arztbewertungsportalen erneut zu prüfen. Diese Portale sind vielen Ärzten bekanntlich seit jeher ein Dorn im Auge. Die Delegieren fordern deshalb als "Minimalziel, dass jeder Arzt zur Nutzung der Portale aktiv zustimmen muss". Ein generelles Verbot der Portale, etwa wegen des Tatbestands der berufswidrigen Werbung, soll ebenfalls geprüft werden.

(D. Nößler)