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Per App-Alarmzum Notfalleinsatz

Mit einer App will der Berliner Rettungsdienst in Notfällen qualifizierte Ersthelfer aus der Nähe zum Einsatzort rufen und so Leben retten. Für teilnehmende Ärzte wäre die Rechtslage allerdings nicht ganz unproblematisch.

Als Notarzt im mittelfränkischen Bechhofen weiß Dr. Simon Sitter es sehr zu schätzen, wenn er am Einsatzort auf Helfer trifft. "Man muss dort mit den Ressourcen zurechtkommen, die zur Verfügung stehen", sagt der Hausarzt, der neben seiner Praxistätigkeit Einsätze in der ländlich geprägten Region fährt. So sei er einmal zu einem Notfall gerufen worden, bei dem er eine Pflegekraft mit Hilfe einer Pflegebedürftigen reanimieren musste. "Ein Notarzteinsatz ist immer eine Extremsituation", betont er, Hilfe könne man da gut gebrauchen.

Vor allem in der Phase vor dem Eintreffen des Notarztes: Pro Minute nicht geleisteter Reanimation sinke bei einem Kreislaufstillstand die Überlebenschance um zehn Prozent, erinnert Sitter. "Wenn am Einsatzort die Reanimation schon begonnen wurde, wenn ich als Notarzt ankomme, ist das ein unschätzbarer Vorteil."

Das Projekt Katretter, das derzeit in Berlin auf den Weg gebracht wird, setzt genau hier an. Die App, die die Hauptstadt-Feuerwehr als Koordinator des Rettungsdienstes gerade entwickelt, soll das Notfallsystem der Stadt auf eine wesentlich breitere Basis stellen – indem qualifizierte freiwillige Helfer in der unmittelbaren Umgebung eines Notfalls sofort alarmiert werden, um binnen Minuten erste Hilfe leisten zu können. "Es ist immer gut, wenn Hilfsfristen verkürzt werden", meint Sitter. Katretter soll im Frühjahr an den Start gehen, zunächst werden die rund 5.000 hauptberuflichen und freiwilligen Feuerwehrleute der Hauptstadt sowie die für sie tätigen Notärzte angesprochen. Später sollen auch niedergelassene Ärzte eingebunden werden.

Erste Hilfe oft Mangelware

Katretter – der Name lehnt sich an das zen-trale Katastrophenwarnsystem Katwarn an – wird derzeit zusammen mit dem Fraunhofer-Institut für offene Kommunikationssysteme entwickelt, der Zwischenstand wurde kürzlich beim Berliner Rettungsdienstsymposium vorgestellt. Mit der App werden bei Notfällen per Ortungsfunktion am Smartphone Ersthelfer im unmittelbaren Umfeld gesucht. Im innerstädtischen Bereich beträgt der Radius 250 Meter, in weniger dicht bebauten Gegenden 500 Meter, auf Freiflächen wie dem Tempelhofer Feld oder Forsten 1.000 Meter. Der abrufbereite Ersthelfer leistet dann vor Ort erste Hilfe, bis ein Notarzt eintrifft. Es geht dabei um Basishilfe und, wenn vorhanden, den Einsatz von Defibrillatoren.

Zwischen dem mittelfränkischen Bechhofen und Berlin liegen Welten – etwa hinsichtlich der Infrastruktur und der Bevölkerungsdichte. Doch an anderen Stellen ähneln sich die Probleme: So berichten Rettungskräfte bundesweit in letzter Zeit immer häufiger davon, dass bei Notfällen Passanten keine erste Hilfe leisteten, sei es aus Ignoranz oder Unwissen. In Berlin erregte ein Fall kürzlich besondere Aufmerksamkeit: Als Rettungskräfte einen Einjährigen reanimierten, attackierte ein vom Rettungswagen zugeparkter Autofahrer die Sanitäter und forderte sie auf, sich "zu verpissen". Ziel der App ist es auch, solchen Fällen zu begegnen, indem potenzielle Helfer – in der Großstadt sind diese in vielen Fällen in Nebenstraßen unterwegs, ohne von dem Vorfall mitzubekommen – aktiviert werden und so vor Ort eine kompetente Truppe die Erstversorgung stemmen kann.

Kliniken, Polizei, Taxifahrer

Etwa 3.600 Mal werde pro Jahr in Berlin ein Notarzt von der Feuerwehr alarmiert, sagt Sebastian Rak, der bei der Berliner Feuerwehr Katretter betreut. Im Schnitt sechs bis zehn Minuten vergingen, bis die Notärzte bei den Patienten seien. Bei Reanimationsfällen heiße das, "dass wir fast immer zu spät kommen", meint Rak. Hausarzt Sitter erinnert dabei an den Zeitkorridor von drei bis fünf Minuten, in dem eine Wiederbelebung mit Frühdefibrillation die Überlebenschance um 50 bis 70 Prozent erhöhe. Die telefonische Assistenz zur Reanimation durch die Rettungsleitstelle sei schon ein wichtiger Schritt, sagen Rak und Sitter unisono. Genauso wichtig wären aber qualifizierte Helfer, die schnell vor Ort seien.

Nach dem Test von Katretter mit Berliner Notärzten und Feuerwehrleuten sollen Klinikmitarbeiter und Polizisten einbezogen werden. Landesbranddi-rektor Wilfried Gräfling befindet sich außerdem "in Gesprächen mit der Taxi-Innung", wie er berichtet. Grundvoraussetzung für Teilnehmer ist die Vorlage eines Führungszeugnisses und ein jährliches Reanimationstraining. Verlangt werde auch eine Mindestqualifikation auf Niveau eines Sanitätshelfers.

"Nötigstes" versus "Möglichstes"

Dass niedergelassene Ärzte mit ihrer erstklassigen Qualifikation erst später in das Projekt geholt werden sollen, hat auch rechtliche Gründe, erklärt der Medizinrechtler Dr. Mike Peters. Ersthelfer nämlich gälten nach Berliner Recht als Verwaltungshelfer, da sie im Bereich der Gefahrenabwehr tätig würden – sie wären damit durch die Amtshaftung abgesichert. Allerdings nur, wenn sie sich im vorgeschriebenen Rahmen bewegten, also ausschließlich die nötigsten Maßnahmen bei der ersten Hilfe ergriffen. Relevant würde dies für Ärzte, die sich als Ersthelfer registrierten, betont Peters. Denn diese würden mit hoher Wahrscheinlichkeit bei einem Katretter-Einsatz den engen Rechtsrahmen der Amtshelfer verlassen, da ihr Berufsrecht vorschreibe, nicht das Nötigste, sondern das Mögliche zu tun, um Leben zu retten.

"Man muss ganz klar sagen, dass ein Regress gegen Ersthelfer möglich ist", sagt Peters. Dann nämlich, wenn ein Arzt mit seinen Maßnahmen scheitert: "Das könnte als fahrlässig gewertet werden", meint er. Die Arzthaftpflichtversicherung würde in diesem Fall auch nicht greifen, da sie ärztliche Kunstfehler in der Berufsausübung versichert. Man müsse daher, bevor man Ärzte als Ersthelfer anspreche, fordert Peters, "genau diskutieren, was sie machen, wenn sie zum Einsatzort kommen".

Simon Sitter hält diese juristischen Gedankenspiele für übertrieben. In aller Regel würde ein Arzt in seiner Freizeit nicht mit medizinischem Equipment unterwegs sein und daher nur "Basic Life Support" geben können. Und Sitter empfiehlt seinen Kollegen sowieso, sich notfallmedizinisch fortzubilden. "Schließlich kann es in der eigenen Praxis auch jederzeit zu einem Notfall kommen."

Fazit

  • Die App Katretter soll im Notfall per Ortungsfunktion qualifizierte freiwillige Helfer in der unmittelbaren Umgebung finden und alarmieren.

  • Der Start des Projekts ist im Frühjahr 2018 mit rund 5.000 Feuerwehrleuten in Berlin sowie für sie tätigen Notärzten geplant; später sollen auch niedergelassene Ärzte eingebunden werden.

  • Damit teilnehmenden Ärzten kein Regress droht, sind die Aufgaben bei einem Einsatz genau zu definieren. Eine notfallmedizinische Fortbildung kann darüber hinaus auch für die eigene Praxis Sinn machen.

(Thomas Trappe)

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