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Junge Ärzte warnen vor Erstarken von "Scheinärzten"

Potenzielle Entlastung oder Gefahr für die Versorgungsqualität? Die Diskussion um den Physician Assistant spaltet die Ärzteschaft. Als Vorbild werden immer wieder die USA und Großbritannien genannt – doch auch hier äußern Hausärzte Sorgen.

Einordnung von Laborbefunden, Erhebung der Krankengeschichte, Anlage von Langzeitblutdruckmessungen: Das Einsatzgebiet des Physician Assistant (PA) ist vielfältig. Durch die Delegation an den „Arztassistenten“ – bislang vor allem in der stationären Versorgung – wird der Arzt in Kernaufgaben entlastet. So sieht es das Modell von KBV und Bundesärztekammer vor, das der 120. Deutsche Ärztetag in Freiburg befürwortet hat (s. Der Hausarzt 11). Klar wurde dort aber auch: Die Übernahme genuin hausärztlicher Tätigkeiten durch Arztassistenten lehnen viele deutlich ab.

Tatsächlich ist der Schritt vom Delegationsmodell zur Substitution im Klinikalltag ein kleiner. Neben einer potenziellen Entlastung bedeutet der PA damit mögliche Qualitätseinbußen in der Versorgung. „Wir wehren uns entschieden gegen Gedankenspiele, hausärztliche Aufgaben auszulagern“, betonte der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes, Ulrich Weigeldt. Statt Substitution setzt der Verband auf die Delegation an speziell für die Hausarztpraxis ausgebildete Fachkräfte wie die VERAH.

Auch Ärzte in Weiterbildung, die in der Debatte bislang kaum Gehör fanden, sehen den PA kritisch. So wehrt sich das Forum Weiterbildung des Deutschen Hausärzteverbandes (siehe Kommentar) deutlich gegen die Substitution: „Das jahrelange Studium und die ärztliche Weiterbildung müssen auch zukünftig die Bedingung sein, um ärztliche Aufgaben übernehmen zu können.“

Es sind Sorgen, die sich auch andernorts abzeichnen – im angelsächsischen Raum etwa, in dem der PA neben anderen Assistenzberufen wie dem Nurse Practitioner (NP) seit Jahrzehnten fester Bestandteil der Versorgung ist. Bereits 2013 arbeiteten 60 Prozent der Hausärzte in den USA regelmäßig mit NP und PA zusammen [1]. Gleichzeitig befürchtete ein Drittel von ihnen, dass die Verlagerung auf Assistenzberufe Sicherheitsstandards senkt und die Arbeitseffektivität reduziert [2].

In der ambulanten Versorgung in den USA übernehmen Arztassistenten etwa die Wundversorgung und die Beratung von Diabetikern. Mehr als 234.000 NP waren im Juni 2017 laut ihrem Berufsverband lizenziert, Tendenz steigend: Bis 2024 werde der Berufsstand um 35 Prozent gewachsen sein, die PA um 30 Prozent – gegenüber den Ärzten mit 13 Prozent, beruft sich die American Association of Nurse Practicioners (AANP) auf Arbeitsmarktstatistiken.

In ländlichen Gebieten betreiben Nurse Practicioner schon heute teils eigene Behandlungsstationen. Viele Ärzte sehen die zunehmende Abhängigkeit von Assistenzberufen auch in den USA, die hierzulande als Vorreiter gepriesen werden, mit Sorge. Nach einer Umfrage des Beratungsunternehmens Deloitte glauben 55 Prozent der US-Ärzte, dass in zehn Jahren nur noch Nicht-Ärzte die Grundversorgung leisten. 65 Prozent meinen, die stärkere Einbeziehung der Assistenzberufe beeinträchtige die Versorgungsqualität.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: "Urärztliche Tätigkeiten dürfen nicht ausgelagert werden"

Literatur:

  • DOI: 10.3122/jabfm.2013.03.120312

  • DOI: 10.1056/NEJMsa1212938

(J. Kötter)

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