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Quereinstieg: "Eine echte medizinische Bereicherung"

Seit 2011 gibt es den Quereinstieg in die Allgemeinmedizin. Es ist ­anspruchsvoll, aber lohnt sich, erzählen uns drei, die den Wechsel ­gewagt haben. Man brauche aber jemanden, der einen an die Hand nimmt.

Andreas Seitz hat ein neues Leben begonnen. Eines, das er sehr viel mehr als früher genießen kann. Der 46-Jährige ist heute glücklicher Allgemeinmediziner in einer Praxis in München. ­Davor war er Unfallchirurg in einer Klinik. Ständig am Wochenende arbeiten, ewig im OP stehen, die vielen, vielen Überstunden – sein Alltag war zermürbend, 15 Jahre lang. „Der Druck war sehr groß“, berichtet er. Ständiger Stress in der Klinik und für die Familie keine Zeit: „Ich war nicht mehr Herr über mein Leben und meine Zeit“, sagt der Vater von drei Kindern. 2014 reichte es ihm. Er sattelte um.

Andreas Seitz ist einer der rund 80 Fachärzte, die seit 2012 in Bayern den Quereinstieg in die Allgemeinmedizin vollzogen haben oder kurz vor der Prüfung stehen. Nach Angaben der Koordinierungsstelle Allgemeinmedizin bei der Bayerischen Landesärztekammer befinden sich zurzeit weitere 70 Quereinsteiger in der Weiterbildung. Die meisten von ihnen sind Anästhesisten, aber es sind auch viele Chirurgen darunter. „Die Arbeitsbedingungen in den Kliniken sind nicht gut, deshalb wollen Ärzte umsatteln“, benennt Dr. Dagmar Schneider, Leiterin der Koordinierungsstelle Allgemeinmedizin, einen Grund für den Quereinstieg. Sie führt viele ­Beratungsgespräche mit Interessierten und begleitet Quereinsteiger bei Seminaren. „Die Kollegen sind sehr engagiert“, sagt sie. Auch die Weiterbilder in den Praxen profitierten von den Quereinsteigern, weiß sie: „Denn die Kollegen bringen natürlich jede Menge Erfahrung mit.“

Quereinstieg seit 2011 möglich

Um dem zunehmenden Hausärztemangel zu begegnen, hat die Bundesärztekammer 2011 die Weiterbildung Allgemeinmedizin für Quereinsteiger eingeführt. Fachärzte, die auf die Allgemeinmedizin umsatteln wollen, bekommen weite Teile ihrer ­stationären Weiterbildung anerkannt. Wie ­viele Ärzte das Angebot bundesweit angenommen haben, erfasst die Bundesärztekammer aktuell nicht. Die ­letzten Zahlen stammen aus dem Zeitraum von der Einführung bis 2015, da waren es rund 100.

Welche Voraussetzungen Quereinsteiger genau mitbringen müssen, regeln die Landesärztekammern. Andreas Seitz musste, wie in Bayern üblich, 24 ­Monate Weiterbildung in der ambulanten hausärztlichen Versorgung und einen 80 Stunden-Kurs in Psychosomatischer Grundversorgung absolvieren sowie die im Gebiet Allgemeinmedizin vorgeschriebenen Weiterbildungsinhalte nachweisen. Der Arzt war von einem Kollegen auf die Möglichkeit des Umstiegs aufmerksam gemacht worden und hat schnell eine Weiterbildungsstelle gefunden. „Im November hatte ich das Vorstellungsgespräch, im Februar habe ich angefangen“, berichtet er. Der Wechsel war ein großer Schritt, das Risiko nicht unerheblich. „Ich habe einen gesicherten Job und eine unbefristete Stelle im öffentlichen Dienst für eine unsichere Aussicht verlassen“, sagt er.

Es hat sich gelohnt, ist er überzeugt. Nicht nur wegen der Lebensqualität. Vom ersten Tag an hat er gerne in der Praxis gearbeitet. Der Patientenkontakt ist viel enger als früher. „Ich schaue nicht einfach ein Röntgenbild an“, sagt Seitz. Auf die leichte Schulter sollte man die Allgemeinmedizin allerdings nicht nehmen, warnt er. „Die Allgemeinmedizin erfordert ein sehr großes Wissen und ist von der Definition her schon breiter ­angelegt als die Chirurgie.“ Ihm gefällt das selbstbestimmte und eigenverantwortliche Arbeiten. Die Hierarchien in der Praxis sind flach, es gibt keinen dominanten Chefarzt, sondern ein kollegiales Miteinander.

Umsatteln wird gefördert

Noch arbeitet Andreas Seitz als ­angestellter Arzt in der Münchener Hausarztpraxis, in der er die Weiterbildung gemacht hat. Möglicherweise steigt er bald in die Praxis ein. Seine Weiterbildung wurde gefördert, zunächst mit 3.500 Euro. ­Quereinsteiger bekommen die gleiche Förderung wie Ärzte, die ihre erste ­Facharztausbildung absolvieren. Nach einer Vereinbarung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, des GKV-Spitzenverbandes und der Deutschen Krankenhausgesellschaft aus dem Jahr 2016 ist der Zuschuss für die ambulante Weiterbildung Allgemeinmedizin auf 4.800 Euro angehoben worden. In unterversorgten oder von Unterversorgung bedrohten Gebieten wird sie mit weiteren 500 Euro beziehungsweise 250 Euro pro Monat gefördert.

Auch Dr. Tina Wildmoser-Buser wollte nicht mehr länger in der Klinik arbeiten. Sie hat ihre Stelle in einem Krankenhaus gegen die eigene Landarztpraxis in Rheinland-Pfalz getauscht. Über viele Jahre hatte die Ärztin das Gefühl, zwischen zwei Stühlen zu sitzen: ihrem Beruf als Orthopädin in der Klinik und ihrer Familie. „Wenn man im OP steht, steht man halt da“, sagt die ­38-Jährige. „Da kann man nicht sagen: Ich muss jetzt los.“ So beschloss sie, die Weiter­bildung zur Fachärztin für Allgemeinmedizin zu beginnen. Ihr Vater hat im pfälzischen Schopp im Landkreis Kaiserslautern eine Landarzt-praxis. Sie ist in dem Ort aufgewachsen.

„Es lag nahe, dass ich die Praxis übernehme“, sagt sie. Die Weiterbildung hat sie zur Hälfte in der Praxis ihres Vaters und zur Hälfte in der ­Klinik absolviert. „Nach dem zweiten Kind ­habe ich gemerkt: Ich will in der Allgemeinmedizin und in der Praxis bleiben“, sagt sie. Zum 1. Juli hat sie die Praxis ihres Vaters übernommen. „Die Patienten sind dankbar, dass es weitergeht“, sagt sie. Vieles aus ihrer Facharztausbildung zur Orthopädin wurde Dr. Tina Wildmoser-Buser angerechnet. Sie musste noch zwei Jahre Weiterbildung in der Praxis absolvieren. „Ich wusste, zwei Jahre sind überschaubar“, sagt sie. „Wenn es mehr gewesen wäre, hätte ich es mir vielleicht überlegt.“ Auch ihr Quereinstieg wurde finanziell gefördert.

„Ich bin jetzt viel breiter ­aufgestellt“

Die Kollegen in ihrem Umfeld, vor allem in der Klinik, haben auf ihren Umstieg positiv reagiert. „Viele würden diesen Schritt gehen“, sagt sie. „Aber sie haben niemanden an der Hand, der sie führt.“ Das war bei Dr. Tina Wildmoser-­Buser anders, denn sie hatte ja ­ihren ­Vater.

Nicht nur Dr. Tina Wildmoser-­Buser, auch den Kollegen ist klar, dass der Quereinstieg alles andere als ein Abstieg ist. „Die Allgemeinmedizin ist eine Stufe über der Orthopädie“, ist sie überzeugt. „Als Allgemeinmedizinerin bin ich viel breiter aufgestellt als früher.“ Die Patienten sind dankbar, wenn sie einen Hausarzt haben, der für sie die Behandlung koordiniert. Sie muss sehr viel mehr wissen und nicht nur fachliche Kompetenzen, sondern auch sozialmedizinische haben. „Deshalb habe ich entsprechende Fortbildungen gemacht, etwa zur psychosomatischen Grundversorgung“, berichtet sie.

Auch heute kommen Patienten mit ­einem orthopädischen Problem in die Praxis. „Aber ich ziehe eine klare Trennlinie“, sagt sie. So hat sie kein Röntgengerät und überweist Patienten. Die gute Zusammenarbeit mit anderen Fachärzten und Kliniken ist für sie wichtig. „Ich habe ein gutes Netzwerk.“ Den Quereinstieg hat sie nicht bereut. „Die Allgemeinmedizin bietet sehr viel“, sagt sie. „Es bleibt immer spannend, denn es gibt immer etwas Neues.“

Nicht einfach sind allerdings die bürokratischen Aspekte. „Es ist ein Unter­schied, ob man angestellt ist oder selbstständig arbeitet“, sagt sie. Die Verhältnisse in der Praxis sind mitunter kompliziert, von der Abrechnung bis zur Verwaltung. „Man braucht eine Vertrauensperson, die einem die Niederlassung erklärt“, rät sie Ärzten, die einen Quereinstieg in die Allgemeinmedizin planen.

Wie viele Ärzte in Rheinland-Pfalz den gleichen Weg gegangen sind und gehen wie Dr. Tina Wildmoser-Buser ist unklar. Die Landesärztekammer Rheinland-Pfalz erfasst die Zahl nicht. „Die Ärzte müssen sich bei uns nicht melden, wenn sie die Weiterbildung beginnen“, sagt Ines Engelmohr, Sprecherin der Landesärztekammer Rheinland-Pfalz.

Quereinstieg geht „nicht mal eben nebenbei“

Nicht alle Quereinsteiger wechseln von der Klinik in die Hausarztpraxis. Dr. Sigrid Schönhauser-Reyerding aus dem westfälischen Nottuln war viele Jahre als Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe in einer Praxis tätig, als sie sich zum Quereinstieg in die Allgemeinmedizin entschloss. Nach der Geburt ihrer Tochter hatte sie ­viele Jahre als angestellte Ärztin in einer Praxis in Münster gearbeitet. „Irgendwann kam bei mir der Wunsch auf, mich selbstständig zu machen und die Arbeit familienkompatibler selber einteilen zu können“, sagt die 46-Jährige.

Sie bekam immer wieder Angebote zur Praxisübernahme oder -einstieg, schaute sich interessant scheinende Objekte an. „Aber schließlich habe ich gedacht, nein, das ist es nicht“, berichtet sie. „Ich möchte mit meinem Mann, der niedergelassener Allgemeinmediziner ist, zusammenarbeiten, ihn bei seiner Arbeit unterstützen und durch meine bisherigen beruflichen Erfahrungen das familienmedizinische Spektrum unserer Praxis erweitern.“ Gleichzeitig wurde der Quereinstieg in die Allgemeinmedizin von Ärztekammer und Hausärzteverband beworben. So entschloss sich Dr. Sigrid Schönhauser-Reyerding für diesen Weg.

Im Juli hat sie die Facharztprüfung abgelegt. Ihre Begeisterung über die ­vergleichsweise neue Tätigkeit in der Hausarztpraxis ist ihr anzumerken. „Ich finde es richtig gut und sehe es als echte medizinische Bereicherung – für mich und unsere Patienten“, sagt sie. Aber leicht war es nicht, auch wenn sie optimale Bedingungen hatte. Sie konnte den größten Teil ihrer Weiterbildungszeit in der Praxis ihres Mannes und ihres Schwiegervaters ableisten und wurde von ihrer Familie sehr unterstützt, etwa bei der Betreuung der heute 13-jährigen Tochter. „Den Quereinstieg kann man nicht mal eben nebenbei machen“, sagt sie. Denn es gibt viel zu lernen und zu organisieren. Von ihrer Ausbildung als Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe erkannte die Ärztekammer Westfalen-Lippe zweieinhalb Jahre an, zweieinhalb Jahre Weiterbildung musste sie noch absolvieren. Ein halbes Jahr war sie dazu in einer Internistischen Klinik, den ambulanten Teil hat sie in der Praxis ihres Mannes und ihres Schwiegervaters abgeleistet.

„Es ist schon ein komisches Gefühl, nach sechs Jahren in der Klinik und vielen Jahren Tätigkeit in der Praxis noch mal eine Weiterbildung zu beginnen“, berichtet Schönhauser-Reyerding. Fachlich war ihr schon vieles im Studium begegnet, aber verschüttet. „Das kommt zwar schnell wieder, aber man muss schon richtig reinhauen“, sagt sie. Denn der Quereinstieg ist keine Schmalspurausbildung. In der Praxis hatte sie große Unterstützung von Mann und Schwiegervater, die ihr jederzeit bei Fragen zur Seite standen. Des Weiteren wurden täglich Patientenkonferenzen abgehalten. „Eine gute Weiterbildung ist nicht selbstverständlich“, sagt sie. „Man muss schon engagiert sein und selbst etwas dafür tun.“

Geforderte Inhalte im Blick behalten

Die Weiterbildung zur Fachärztin für Allgemeinmedizin absolvierte sie in Vollzeit. Neben der Zeit in Praxis und Klinik hat sie drei Weiterbildungsmodule der Ärztekammer besucht. Die Repetitorien für ­Quereinsteiger dauerten eine Woche und jeweils ein Wochenende. Darüber hinaus hat die Ärztin an Qualitätszirkeln und weiteren hausärztlichen Fortbildungen teilgenommen. „Wünschenswert wären weitere begleitende praktische Fortbildungsangebote verschiedener Fachrichtungen, die in der Allgemeinmedizinischen Praxis häufig vorkommen“, sagt sie. „Besonders wichtig ist es für den Quereinsteiger, aufgrund der verkürzten Weiterbildungszeit, von Anfang an die geforderten Weiterbildungsinhalte im Blick zu halten.“

Jetzt ist Dr. Sigrid Schönhauser-Reyerding seit mehr als zweieinhalb Jahren in der Praxis in Nottuln tätig, einem Städtchen mit rund 20.000 Einwohnern 25 Kilometer westlich von Münster. „Der Quereinstieg in die Allgemeinmedizin ist etwas für Ärzte, die Familienmedizin machen und ein vielseitiges und anspruchsvolles Spektrum an Patienten und Erkrankungen betreuen möchten mit zum Teil enger familiärer Bindung“, sagt sie. „In einer Hausarztpraxis hat man alles, vom Neugeborenen bis zu Hochbetagten.“ Und genau das ist es, was Dr. Sigrid Schönhauser-Reyerding gefällt. Dabei gibt es einiges, was in ihrem täglichen Arbeiten im Vergleich zu früher gleich geblieben ist, etwa die große Rolle der Psychosomatik. „Ich habe draufgesattelt, aber ich bleibe natürlich auch Gynäkologin“, sagt sie. Unter den Patientinnen hat sich das schnell herumgesprochen. „Die Patientinnen nehmen das dankbar an.“

Als sie Medizin studierte, stand ihr Berufswunsch Gynäkologie und Geburtshilfe schnell fest. Vielleicht auch, weil die hausärztliche Tätigkeit im Studium so stiefmütterlich behandelt wurde, sagt sie. „Das ist schade, denn es ist so ein schöner Beruf.“

Hilfe für den Praxisstart

Das Forum Weiterbildung im Deutschen Hausärzteverband bietet für Allgemeinmediziner und die, die es werden wollen, praktische Fortbildungen an, um den Einstieg in die Praxis zu erleichtern: Die Seminarreihe „Werkzeugkasten Niederlassung“ erklärt von der Abrechnung, wichtigen Formularen bis zu Praxisausstattung und Personalführung alles, was man zur Niederlassung wissen muss. Jeder Teilnehmer kann dabei seine persönlichen Fragen mitbringen und bekommt Rat von zwei Kollegen, die sich selbst vor Kurzem niedergelassen haben. Mehrere Seminare können Sie besuchen bei practica, 25.-28.10.2017, Bad Orb The North-West-Circle, 3.-5.11.2017, Lüneburger Heide

Alle Termine und weitere Infos: www.hausarzt-werkzeugkasten.de

(A. Krüger)

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