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Bereitschaftsdienst künftig freiwillig?

In einem Brandenburger Pilotprojekt soll der bei vielen Ärzten unbeliebte Bereitschaftsdienst attraktiver gemacht werden – und freiwillig stattfi nden. Das löst nicht nur Freude aus.

Dr. Gerd Bauersfeld wollte immer Landarzt werden, was daran scheiterte, dass er als Chirurg keine Praxis habe gründen können. Jetzt habe es doch noch geklappt, sagt er. Freiberuflich arbeitet er nämlich im Pilotprojekt der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg (KVBB) mit, und zwar am Aschenbach-Krankenhaus in Königs Wuster­hausen. In der dortigen „KV RegioMed Bereitschaftspraxis“ fahren nicht mehr die Ärzte zu den Patienten, sondern die Patienten zum Arzt. Für Bauersfeld, der nie eine Praxis hatte, „fühlt sich das ein bisschen an wie eine Landarztpraxis“.

50 Euro pro Stunde

Seit drei Monaten gibt es die Praxis, inzwischen die sechste in Brandenburg, bis 2022 soll es 20 geben. Pilotprojekt ist Königs Wusterhausen, weil Ärzte freiwillig ­teilnehmen und ein Callcenter ­Patienten, die die 116 117 wählen, in die Praxis leitet. „Es geht ­darum, den Bereitschaftsdienst auf neue Füße zu stellen“, sagt KVBB-Sprecher Christian Wehry. Der fahrende Dienst bleibt, soll aber durch die Praxis ­entlastet werden. Zudem würden beide ­Dienste besser bezahlt, mit mindestens 50 Euro die ­Stunde. So sollen genug freiwillige Ärzte ­akquiriert werden, um mittelfristig keine Bereitschaftsärzte mehr zwangsverpflichten zu müssen.

Dr. Benno Bretag, Chefarzt der Notfallambulanz, freut sich, dass die KV-Praxis die Ambulanz deutlich entlastet. „Ein großer Teil der Patienten, die jetzt zum KV-Arzt weitergeleitet werden, wären früher zu uns gekommen“, sagt er. Pro Dienst würden an den Wochenenden 50, freitags um die 30 Patienten behandelt. Das seien deutlich mehr, als man im fahrenden Notdienst schaffen würde, ergänzt Bauersfeld. „Man muss mindestens eine Stunde pro Patient rechnen, macht man Fahrdienst“, sagt er. „In der Praxis schaffe ich sechs pro Stunde.“

Die Bereitschaftspraxis könnte aber zu ungeplanten Nebeneffekten führen. Jüngst, berichtet Bauersfeld, hätten sich bei ihm etwa ein Jurist, ein Ingenieur und ein Taxifahrer eingefunden – nach ihrem Feierabend. Der Verdacht, dass die Sprechzeiten der Bereitschafts-praxis, verbunden mit kurzen Wartezeiten und der Möglichkeit spontaner Termine, als willkommene Alternative zur gewöhnlichen Arztpraxis wahrgenommen werden, liegt also nahe. Auch Bretag kann sich das vorstellen, findet es aber nicht schlimm. „Diese Patienten wären vorher vielleicht gar nicht zum Arzt gegangen oder erst sehr spät in die Notaufnahme.“ KVBB-Sprecher Wehry verweist darauf, dass die Bereitschaftsdienstordnung explizit vorschreibe, sich bei der Behandlung auf das „Notwendige zu beschränken“, eine Konkurrenzsituation zu anderen Praxen damit also ausgeschlossen werde.

Und schließlich, betont Bretag, könnte das Bereitschaftsdienst-4.0-Konzept ­einen ­Beitrag leisten, die Niederlassung in ländlichen Regionen beliebter zu machen. Wenn verpflichtende Notdienste verringert würden. Und der Dienst im ganzen Land einer wäre, um den man sich wie in ­Königs Wusterhausen bewirbt.

(T. Trappe)

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