Editorial

Angriff auf Hausärzte

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

die Angriffe auf die hausärztlichen Kompetenzen sind fast so alt wie unser Fach. Da gibt es Gedankenspiele, ob nicht Arzthelfer (neudeutsch Physician Assistant) hausärztliche Aufgaben übernehmen könnten oder ob geriatrische Patienten denn nicht besser von einem Facharzt für Geriatrie versorgt werden sollten, statt von ihrem vertrauten Hausarzt (s. Seite 16).

Solche Hirngespinste scheitern immer wieder an der Versorgungsrealität. Dann stellen doch viele auf einmal fest, dass es ohne Hausärztinnen und Hausärzte, die über 80 Prozent aller Patientenanliegen in ihren Praxen abschließend klären und für den Rest der Fälle die Behandlung koordinieren, schnell zappenduster aussehen würde. Das hält einige fachärztliche Verbandsvertreter aber nicht davon ab, es in regelmäßigen Abständen zu versuchen. Ein besonders dreistes Beispiel liefert momentan der Spitzenverband der Fachärzte (SpiFa).

In einem „Grundsatzpapier“ fordert er, dass auch Fachärzte, unabhängig von ihrer Weiterbildung, hausärztliche Aufgaben übernehmen sollen. Das soll vor allem für „unimorbide“ Patienten gelten. Kommt eine zweite chronische Erkrankung hinzu, soll wiederum der Hausarzt übernehmen. So ganz nebenbei soll auch noch die Trennung zwischen den hausärztlichen und fachärztlichen Budgets aufgelöst werden.

Um es ganz klar zu sagen: Diese Phantastereien sind nicht nur wirr, sondern auch eine echte Gefahr für die Patientenversorgung. Es ist schlichtweg arrogant, wenn einige Verbandsvertreter meinen, dass jeder Gebietsfacharzt, egal ob Orthopäde oder Urologe, hausärztliche Aufgaben übernehmen kann, ohne dass er hierfür in irgendeiner Weise qualifiziert ist. Nicht umsonst absolvieren Hausärzte eine fünfjährige Weiterbildung, die sie auf ihre Tätigkeit in den Praxen vorbereitet. Was wirklich hinter solchen Vorstößen steckt, liegt auf der Hand: Es geht darum, die Honorarinteressen einer bestimmten Klientel zu protegieren. Das macht man im Notfall eben auf dem Rücken der Patientinnen und Patienten. Sie wären nämlich am Ende die Leidtragenden.

In der Praxis arbeiten Hausärzte und Fachärzte bereits sehr vertrauensvoll zusammen. Ein Grund hierfür ist, dass es eine klare Aufgabenverteilung gibt, die sich an den Kompetenzen der jeweiligen Arztgruppe orientiert: Wir Hausärzte sind die ersten Ansprechpartner, die einen ganzheitlichen Ansatz verfolgen und den allergrößten Teil der Beschwerden so auch gleich abschließend klären können. Für die anderen Fälle benötigen wir die spezifischen Kompetenzen der fachärztlichen Kollegen in dem jeweiligen Bereich. Das ist auch die Struktur, die wir in den Verträgen zur Hausarztzentrierten Versorgung für Millionen Patienten bereits erfolgreich umsetzen.

Wir Hausärzte würden uns ja auch nicht anmaßen, zu behaupten, dass wir die besseren Herzchirurgen sind! Umgekehrt erwarte ich, dass nicht so getan wird, als ob hausärztliche Aufgaben quasi im Vorbeigehen miterledigt werden können. Wie so häufig, würde auch hier einmal mehr ein Blick in die Versorgungspraxis helfen.

Mit kollegialen Grüßen

Ulrich Weigeldt, Bundesvorsitzender Deutscher Hausärzteverband e.V.

(U. Weigeldt)

PDF