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Hausarztberuf - viele Mythen stimmen nicht

Über Hausärzte kursieren viele Vorurteile. Bei der Nachwuchsinitiative anlässlich des Westfälisch-­Lippischen Hausärztetags wurde mit den fünf größten Irrtümern aufgeräumt.

Praktische Tipps, ehrliche ­Antworten und keine Chance für Vorurteile: Die Nach­wuchs­initiative Allgemeinmedizin „Zukunft Praxis“, zu der der Hausärzteverband Westfalen-­Lippe anlässlich des 10. Westfälisch-Lippischen ­Hausärztetages in Münster ­eingeladen hatte, hielt wertvolle ­Informationen rund um Studium, Weiterbildung und Nieder­lassung für Studierende und Ärzte in Weiterbildung bereit. Und sie räumte mit den größten Mythen auf, die rund um die Allgemeinmedizin kursieren.

Mythos Nr. 1: Der Hausarzt ist ein Einzelkämpfer

Dieses Bild gehört längst der Vergangenheit an, wie Dr. Elisabeth Koch, Fachärztin für Allgemeinmedizin aus Ascheberg, klarstellte. „Heute steht die Hausarztpraxis im Zentrum eines Netzwerkes aus fachärztlichen Kollegen, Krankenhäusern und Pflegediensten. Zudem gibt es keine Nacht- und Wochenenddienste mehr, die Notdienste sind geregelt, die Residenzpflicht (Anm. d. Red.: Man muss nicht am Praxisort wohnen) ist aufgehoben und man hat die freie Wahl, wie man seine Praxis einrichtet“, so Koch. „Man hat die Chance, seine Schwerpunkte zu setzen – anders als in der Klinik“, betonte auch Anke Richter, erste Vorsitzende des Hausärzteverbandes Westfalen-Lippe. Vor allem diese Flexibilität und die Vielseitigkeit mache die Allgemeinmedizin so reizvoll.

Mythos Nr. 2: ­Hausarztpraxis und Familie passen nicht ­zusammen

Elisabeth Kochs Werdegang zeigt: Familie und Hausarztpraxis – auch das ist ­eine glückliche Verbindung. Als Mutter von drei Kindern und niedergelassene Hausärztin hob sie die verschiedenen Arbeitsmodelle – Gemeinschaftspraxis, Praxisgemeinschaft oder Anstellung – hervor, aus denen man das für sich passende wählen kann. „Das ­Schöne an der Hausarztpraxis ist ja, dass die Kernarbeitszeit morgens ist.“ Auch die Betreuungsangebote für Kinder seien heutzutage vielfältiger als noch zu ihrer Zeit. „Man muss sich nur trauen, auch ein Stück loszulassen.“ Den jungen Medizinerinnen und Medizinern im Publikum machte sie Mut: „Kinder sind kein Hindernis für ­unseren Beruf. Sie sind eine Bereicherung.“

Mythos Nr. 3: Der Weg in die Allgemeinmedizin ist ­langweilig und schwierig

Mitnichten. „Die Weiterbildung Allgemeinmedizin ist sicherlich die interessan­teste“, betonte Bettina Köhler von der Koordinierungsstelle Aus- und Weiterbildung (KoStA) der Ärztekammer ­Westfalen-Lippe (ÄKWL). „Man kann viel ­experimentieren und gucken, was will ich später in der ­Praxis machen. Man kann beim Pädiater reinschnuppern, beim Chirurgen, beim Gynäkologen, beim Augenarzt oder beim Orthopäden.“ Dadurch könne man vorab prüfen, welchen Schwerpunkt man später wählen wolle. Vor dem Hintergrund eines erhöhten Bedarfes an Hausärzten ermöglicht die ÄKWL seit 2012 den Quereinstieg in die Allgemeinmedizin. „Wer eine Anerkennung als Facharzt in einem anderen Gebiet hat, kann damit auch noch Allgemeinmediziner werden“, erläuterte Köhler. Die Basisweiterbildung im Gebiet der Inneren Medizin ist dann verkürzt.

Mythos Nr. 4: Der Hausarzt ist ein Arzt zweiter Klasse

Vielseitig, wissenschaftlich, flexibel und anspruchsvoll – das sind die Attribute, die Dr. Michael Bloch der Allgemeinmedizin zuschreibt. Er hat gerade sein Medizinstudium abgeschlossen und bildet sich zum Allgemeinmediziner weiter. Sein Vortrag über Vorurteile, Realität und Imagewandel der Allgemeinmedizin war ein leidenschaftliches Plädoyer für den Hausarztberuf.

Hausärzte behandelten Patienten ­aller Altersgruppen und die Fälle ­seien häufig sehr komplex. „Der Hausarzt ist Spezialist. Er ist der Gate-Keeper. Er muss beraten, entscheiden und ­filtern, welcher Patient welche Behandlung braucht und zu welchem Facharzt oder in welche Klinik er gegebenenfalls muss“, schilderte Bloch. „Damit ist er ein wichtiges Zahnrad im Gesundheitssystem.“ Außerdem lösten Allgemeinmediziner die meisten Probleme ihrer Patienten selbst.

Auch das Vorurteil, dass mit der Allgemeinmedizin kein Geld zu ­verdienen sei, stimme nicht. „Wie wir uns im Hamsterrad bewegen, das ­bestimmen wir doch selbst.“ Denn in der Praxis gebe es eine große Autonomie, im Krankenhaus hingegen ­Arbeitsverdichtung und Konsolidierungsdruck. Und auch in puncto Fortbildung könne von „­zweiter Klasse“ keine Rede sein: Die Voraussetzung für den Kauf eines Kassenarzt­sitzes sei der Facharzt für Allgemeinmedizin. Dafür gebe es eine klar strukturierte Weiterbildung. Zudem ­bestehe fortlaufend die Pflicht zur Fortbildung.

Mythos Nr. 5: Eine eigene Praxis kann man sich nicht leisten

Das größte ­Risiko, das Ärzte von einer Niederlassung abhält, ist einer Studie der Deutschen Apotheker und Ärztebank zufolge das finanzielle Risiko. Eine unbegründete Sorge, wie Volker Kordes, Prokurist der apoBank, betonte. Denn nach Anga­ben des Statistischen Bundesamtes gingen nur etwa 0,05 Prozent der Vertragsärzte Pleite. Die Gründe für ­eine Insolvenz lägen dabei meist im privaten Bereich. Der durchschnittliche Praxisüberschuss habe 2014 bei 167.200 Euro gelegen, das durchschnittliche Gehalt eines Oberarztes im Krankenhaus bei 135.000 Euro. „Ich kann Ihnen nur aus finanzieller Sicht sagen: Lassen Sie sich nieder. Es lohnt sich“, so Kordes.

Dabei muss heute niemand bei null anfangen. „Ich würde mir eine Praxis von einem Kollegen suchen, der in vier, fünf Jahren aufhört, dort mit einsteigen und die Praxis später übernehmen“, empfahl Anke Richter. „Die Bedingungen sind heutzutage optimal.“ Um angehende Allgemeinmediziner für die Praxisgründung fit zu machen, unterstützt der Deutsche Hausärzteverband außerdem den „Werkzeugkasten Niederlassung“. 13 Seminare erklären alles, was zu Praxisstart und -führung essentiell ist.

Link: Weitere Informationen und Bilder unter www.facebook.com/LVWLUnna

(D. Thamm)

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