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"Der Hausarzt ist das Rückgrat des Gesundheitssystems"

Wo steht der Hausarzt im Gesundheitssystem? Wie hat sich seine Position im Laufe der Zeit verändert? Und wohin geht die Entwicklung in Zukunft? Diese Fragen standen im Mittelpunkt der berufspolitischen Podiumsdiskussion, zu der der Hausärzteverband Westfalen-Lippe im Rahmen seines Westfälisch-Lippischen Hausärztetages in Münster eingeladen hatte. „Gerade im Hinblick auf das Wahljahr 2017 ist die Hausarztposition ein spannendes Thema“, erklärte Anke Richter, 1. Vorsitzende des Hausärzteverbandes Westfalen-Lippe. Themen wie der „Masterplan Medizinstudium 2020“ oder der wachsende Bedarf an Hausärztinnen und Hausärzten seien aktuell wie nie.

Über die zentrale Funktion, die der Hausarzt im Gesundheitssystem einnimmt, herrschte dabei unter den Diskussionsteilnehmern große Einigkeit: „Der Hausarzt ist das Rückgrat des Gesundheitssystems. Er ist für jeden und alle Generationen da. Und er guckt nicht nur auf das Symptom, sondern hat den ganzen Menschen im Blick“, brachte es Prof. Elisabeth Pott, Vorsitzende des FDP-Bundesfachausschusses für Gesundheit, auf den Punkt. Für Kommunen bedeute die Anwesenheit eines Hausarztes vor Ort gar einen elementaren Standortfaktor, unterstrich Kevin Gniosdorz, Vorsitzender der Jungen Union Kreisverband Paderborn. „Für die Menschen ist es wichtig, dass sie einen Hausarzt in der Nähe haben“, betonte er. Dass es vermehrt Probleme gibt, Nachfolger für Hausarztpraxen zu finden, sieht Dr. Jürgen Niesen, selbst Facharzt für Allgemeinmedizin aus Ochtrup, in der im Vergleich zu anderen Facharztgruppen schlechten Bezahlung des Hausarztes begründet.

„Der Hausarzt muss fit sein, er muss gut sein – aber er ist der preiswerteste Doktor“, so Niesen, der davor warnte: „Ohne Hausarzt wird das Gesundheitssystem in den nächsten Jahren explodieren!“ Immerhin komme dem Hausarzt die wichtige Rolle des „Verteilers“ zu. „Bei ihm liegt die hausärztliche Grundversorgung“, betonte Anke Richter. Diese könne von keinem anderen Facharzt geleistet werden. Ein Aspekt, den auch Anita Nuding von der GWQ Service Plus AG hervorhob: „In der Grundversorgung sehen wir nur den Hausarzt!“

Die aktuell viel diskutierte Telemedizin könne das persönliche Gespräch und das daraus resultierende Vertrauensverhältnis dabei nicht ersetzen, sondern allenfalls ergänzen. „Eine geeignetere Hilfebrücke kann da eher die VERAH sein, die Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis“, erklärte Dr. Jürgen Niesen. Auch Anita Nuding sieht in der Telemedizin kein Allheilmittel: „Sie ist gut als Unterstützung, aber sie ist nichts, was uns wirklich nach vorne bringt“, betonte sie. „Was uns nach vorne bringt, das sind die Selektivverträge.“ Dabei widerspreche das HZV-Modell in keiner Weise der freien Arztwahl, im Gegenteil: „Der Patient soll die freie Arztwahl haben und den Arzt finden, dem er vertraut“, so Nuding. „Wenn er ihn dann aber gefunden hat, soll er bitte bei ihm bleiben. Nur so kann ja die Rolle des Lotsen funktionieren.“ Das komme dann auch der Finanzierung des Gesundheitssystems zugute.

Allein mit der Diskussion über Finanzen und Kosten motiviere man den medizinischen Nachwuchs nicht, in die Allgemeinmedizin zu gehen, mahnte Prof. Peter Maisel, Facharzt für Allgemein-und Palliativmedizin und Leiter des Centrums für Allgemeinmedizin an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster: „Vielmehr müssen wir vermitteln: Die Allgemeinmedizin ist nicht nur kostensparend, sondern auch spannend und hoch wissenschaftlich. In vielen Fällen ist sie die bessere Medizin. Gute Allgemeinmedizin ist: das Richtige tun. Am richtigen Ort. Zum richtigen Zeitpunkt. Dabei lösen wir als Allgemeinmediziner 90 Prozent der Probleme kompetent selbst.“ Eine wichtige Rolle bei der Motivation für das Fach Allgemeinmedizin kann Maisels Ansicht nach der Masterplan Medizinstudium 2020 spielen. „In ihm steckt übrigens viel mehr Freiheit, als in der alten Approbationsordnung“, betonte er.

Wichtig sei nun, dass der Finanzierungsvorbehalt des Masterplans aufgehoben werde, erklärte Prof. Elisabeth Pott. „Wenn man Ernst damit machen will, dass die gesundheitliche Versorgung auch in Zukunft gewährleistet werden soll, dann muss man auch die Rahmenbedingungen schaffen.“

Hausärztetag Westfalen-Lippe 2017

  • Die Podiumsdiskussion war Teil des 10. Westfälisch-Lippischen Hausärztetages, zu dem der Hausärzteverband Westfalen-Lippe Anfang April in Münster eingeladen hatte.

  • Neben einem umfangreichen Fortbildungsprogramm fanden außerdem eine Delegiertenversammlung, ein Gesellschaftsabend und die Nachwuchsinitiative Allgemeinmedizin „Zukunft Praxis“ statt.

  • Ein Bericht der Nachwuchsinitiative folgt in „Der Hausarzt“ 10.

  • Weitere Informationen und Bilder zum Hausärztetag gibt es unter: www.hausaerzteverband-wl.de und www.facebook.com/LVWLUnna

(D. Thamm)

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