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Videosprechstunde: Für viele Ärzte noch ein rotes Tuch

Ein Thema auf der Frühjahrstagung des Sächsischen Hausärz-teverbandes in ­Dresden war das Internet. Dass dieses immer präsen­ter in der Arzt-Patienten-Beziehung wird, betrachten viele Ärzte skeptisch, dabei ­bieten sich auch viele Chancen, berichtete Dr. Johannes ­Bittner von der Bertelsmann Stiftung. „Bei der ­Digitalisierung hängt Deutschland weit hinter­her“, ergänzte Dipl. Med. Ingrid ­Dänschel, langjährige Vorsitzende des Landesvorstandes des Sächsischen Hausärzteverbandes. Datenschutz sei nicht mehr die Hürde Nummer eins, es fehle etwa vielerorts an einer schnellen Internetverbindung. Klar ist: „Patien-ten wollen ihren Arzt auch online kontaktieren“, sagte Bittner. Frage man Patienten, seien besonders Hausärzte geeignet, um Videosprechstunden anzubieten.

Rund 45 Prozent der Deutschen können sich vorstellen, ihren Arzt gelegentlich per Video zu konsultieren, ergab eine Umfrage der Bertelsmann Stiftung. Das gelte gerade für Beratungsgespräche, etwa über Befunde, wenn keine direkte körperliche Untersuchung nötig ist. „Man könnte so auch klären, ob überhaupt ein Arztbesuch erforderlich ist“, sagte Bittner. So könne man im Idealfall Wartezeit verkürzen und die Praxis entlasten. Bisher deuten Daten aus den USA aber darauf hin, dass ein ­Videokontakt eher zusätzlich zu einem direkten Arzt-Patienten-Gespräch stattfindet.

Es verwundert daher nicht, dass zwei Drittel der Ärzte Video­sprechstunden ablehnen. Der Nutzen ist nicht ersichtlich und sie hegen rechtliche wie technische Bedenken. Außerdem müssten natürlich Personal und ­Praxisorganisation angepasst werden. „Neue digitale Angebote sind sinnvoll, wenn wir dadurch Zeit gewinnen für Patienten, die wir unbedingt persönlich sehen müssen“, fasste Dänschel die Stimmung der anwesenden Ärzte zusammen.

Videosprechstunden sind nur ein Beispiel, deutlich mehr beeinflusst wird die Arzt-Patien­ten-Beziehung davon, dass viele Betroffene im Internet über Krankheiten und Therapien recherchieren. Für die meisten steht dabei die Selbstinformation, sich selbst helfen oder auf den Arztbesuch vorbereiten zu wollen im Vordergrund. Einige geben aber auch die Unzufriedenheit mit dem Hausarzt als Treiber an, stellte Bittner Ergebnisse des Gesundheitsmonitors vor. Ärzte sehen dieses Informationsverhalten der Patienten ambivalent. Manche nehmen dies zum Anlass, informierte Patienten stärker in die Behandlungsentscheidung einzubeziehen.

Knapp die Hälfte der befragten Ärzte meint aber, die Selbstinformation erzeuge unangemessene Ansprüche, was ihre Arbeit belaste. Ein Drittel gibt an, Patienten würden verwirrt und das Vertrauen zum Arzt beeinträchtigt.

Denn „das Problem ist: Die meisten nutzen Suchmaschinen, um schnell Gesundheitsinformatio­nen zu finden“, sagte Bittner. In der Regel würden die ersten drei Suchergebnisse angeklickt. Die Qualität der Informationen sei für Patienten oft schwer zu erkennen. „Das ist eine ­Chance für Ärzte, ihren Patienten ­gute Informationen an die Hand zu ­geben“, meinte Bittner.

Allerdings kennen auch viele Ärzte evidenzbasierte, laienverständliche Internet-Gesundheitsportale nicht. So sind ­krebsinformationsdienst.de (DKFZ), patienteinformation.de (ÄZQ) oder gesundheitsinformation.de (IQWiG) nur einem Fünftel bekannt. Und davon stufen wiederum nur ein Drittel der Ärzte diese Quellen als vertrauenswürdig ein (beim DKFZ zwei Drittel). Anders bei Wikipedia: Dies kennen 96 Prozent und 58 Prozent bezeichnen es als vertrauenswürdig. Hier besteht ­also ein hoher Informationsbedarf. „Das kann man aber nicht den Ärzten vorwerfen, sondern nur den Anbietern, wenn sie nicht genug in ihre Bekanntheit in­vestieren“, so Bittner.

(J. Dielmann-von Berg)

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