Hausarzt Medizin

Befragung soll unerkannte Probleme aufdecken

Der Heidelberger Fragebogen lenkt die Aufmerksamkeit auf Probleme und Krankheiten von Eltern und Kindern, über die oftmals nicht gesprochen wird, und ermutigt so zum hausärztlichen Gespräch mit den Patienten.

"Hast du dich jemals zwei Wochen lang oder länger richtig schlecht gefühlt?", "Falls du rauchst, hast du schon einmal versucht, mit dem Rauchen aufzuhören?"

Der Heidelberger Fragebogen enthält einige "unangenehme" Fragen. Finden Jugendliche solche Fragen "cool"? Nein, ergab eine Machbarkeitsstudie im Auftrag der AOK Baden-Württemberg [1]. Aber die Jugendlichen haben die Fragen beantwortet. In der für drei Altersklassen durchgeführten AOK-Studie wurden Fragen zu Depression, zum Rauchverhalten von Eltern, Jugendlichen und Erwachsenen, zu COPD, Migräne, Allergien und Asthma gestellt [2].

Depressionen oft unerkannt

Warum sollte man Jugendlichen solch unangenehme Fragen stellen? Ein Grund ist zum Beispiel, dass Depressionen im Kindes- und Jugendlichenalter oft unerkannt bleiben und somit auch nicht behandelt werden können. Scham und Abschottung verstärken das Leiden. Es kann mit Suizidgedanken verknüpft sein. Suizide sind die zweithäufigste Todesursache in dieser Altersgruppe. Für 12- bis 18-Jährige hat die amerikanische Preventive Services Task Force aufgrund neuer Studienergebnisse deshalb eine ältere Empfehlung bestärkt, ein Screening auf Depressionen durchzuführen [3].

Eine Depression im Jugendlichenalter ist nur eine von mehreren Erkrankungen, die nicht immer in Hausarztpraxen angesprochen werden. Der Hauptgrund hierfür ist ein leicht nachzuvollziehendes menschliches Verhalten: Lösen Probleme und Krankheiten Schamgefühle aus, dann sprechen wir nicht gerne darüber.

Asthma nicht ausreichend behandelt

Themen wie Asthma oder Kopfschmerzen anzusprechen, fällt meist leichter. Aber selbst hier ergaben Studien Überraschendes: Unsere Arbeitsgruppe konnte zeigen, dass – zumindest in Kinderarztpraxen – gerade einmal 50 Prozent der nach standardisierten Kriterien an Asthma leidenden Kinder leitliniengerecht behandelt werden. Gemeinsam mit dem Institut für Medizinische Biometrie und Informatik und der Psychosomatischen Klinik der Universität Heidelberg hatten wir hierzu einen Vorläufer des Heidelberger Fragebogens entwickelt und 4.500 solcher Fragebögen in Kinderarztpraxen verteilt. Wir wollten dabei auch wissen, ob bei Kindern Stress zu Asthma führt [4]. Die knapp 1.700 beantworteten Fragebögen enthielten häufig elterliche Kommentare [5].

Eltern im Stress

Der Heidelberger Fragebogen war ursprünglich eine konventionelle, auf Papier durchgeführte Befragung. Mittlerweile haben wir unsere Fragen in eine internetbasierte Anwendung "exportiert" und sie zugleich um Themen erweitert, die gleichfalls Aufmerksamkeit verdienen, z. B. die postpartale Depression, an der einige Mütter nach der Geburt ihres Kindes leiden. Hierfür gibt es evaluierte Fragen, die aber bisher noch nie einer breiten Anwendung zugeführt wurden [6]. Darüber hinaus gibt es nun Fragen zu Belastungen der Eltern von Kleinkindern, die schlimmstenfalls dazu führen, dass diese Eltern zu ihrem Kind keine gute Beziehung aufbauen können, sowie zu anderen bedrückenden Erfahrungen von Kindern, z. B. Mobbing [7].

Auch auf die familienmedizinische Erfahrung der Mitglieder des Ausschusses pädiatrische Versorgung im deutschen Hausärzteverband konnten wir zurückgreifen [8]. Das, bereichert um Anregungen von Eltern, ergab Fragen, die direkt aus der hausärztlichen Praxis und dem Alltagsleben behandelter gestresster Väter und Mütter stammen. Etwa: "Zu welcher Tageszeit ist Ihre Stressbelastung als Mutter/Vater besonders hoch?" Oder: "Welches Thema ist häufig Ursache eines Streitgesprächs zwischen Ihnen und Ihrem Kind?". Mögliche Antworten: "Essen – Anziehen – Hausaufgaben – Zimmer aufräumen – Medienkonsum".

Das sind die "Klassiker" der Stressauslösung, die hier angesprochen werden. Hier ist der Stil der Befragung nicht so ernst, wodurch die teilnehmenden Mütter und Väter leichter zur Beantwortung motiviert werden sollen – das ist jedenfalls unser Ziel.

Problem nächtlicher Husten

Eine weitere Studie gab Hinweise darauf, dass nächtlicher Husten im Kindesalter bis hin zum Pseudokrupp-Anfall manchmal durch zeitweise über das normale Maß hinaus verstärkten gastroösophagealen Reflux mitverursacht wird [9]. Das ist unangenehm, aber nicht bedrohlich. Schädlich ist dagegen der unerkannte, dauerhafte gastroösophageale Reflux mit Lungenbeteiligung. Die durch ihn ausgelösten Atemwegsprobleme lassen sich nicht wie kindliches Asthma behandeln. Um hier eine Früherkennung anzubieten, enthält der Heidelberger Fragebogen auch hierzu Fragen.

Der Fragebogen in der Praxis

So sorgfältig und seriös der Heidelberger Fragebogen erstellt und geprüft worden sein mag – die Frage bleibt dennoch: Wie bringt man ihn in der Praxis tatsächlich zur Anwendung? Wie gelingt es, die Voraussetzungen für Datenschutz und Umsetzbarkeit zu erfüllen? Dazu gehören unter anderem:

  • Verschwiegenheit: Niemand darf zusehen

  • Anonymität: Keine Namen, keine Geburtsdaten, keine Adressen etc.

  • Geschwindigkeit / Leichtigkeit: Einfache Antwortoptionen

  • Erfüllbares Fragevolumen: Wenige, dafür prägnante Fragen

Fragen zum Bereich der zu schützenden Privatsphäre sollen nicht unter fremden Augen beantwortet werden. Vom Auslegen der Fragebögen in Praxen und von der Beantwortung auf einem Praxis-PC sind wir deshalb abgekommen. Stattdessen haben wir folgende Lösung entwickelt: Versorgungsassistentinnen (VERAH) teilnehmender Hausarztpraxen geben denjenigen, die interessiert sind, anonyme QR-Codes. Auf diese Weise können die Patienten oder bei Kindern deren Eltern auf die Webseite mit den Fragen (www.medkids.de) zugreifen.

Dort können sie unter den verfügbaren Themen wählen. Die Auswertungen werden aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht zurückgeschickt. Nur, wenn man der Studienteilnahme zugestimmt hat, werden die Antworten ohne Kennzeichnung des Eingabemediums und ohne personenbezogene Daten außer Alter und Geschlecht übertragen und summiert.

Ziel der Befragung

Wird die Studienteilnahme abgelehnt, erfüllt die Befragung genauso ihren Zweck. Denn welches Ziel hat die Befragung? Nur eines: Aufmerksamkeit zu schaffen für Störungen, Probleme und Krankheiten, über die man vielleicht nicht so gerne spricht. Um Aufmerksamkeit zu erzeugen, folgt auf jede Befragung die Ermunterung, das betreffende Thema in der Hausarztpraxis anzusprechen:

"Wenden Sie sich gerne an die Ärztin/den Arzt oder das Praxisteam, wenn Sie Fragen und Antworten besprechen möchten. Genau dafür sind die Fragebögen gemacht."

Damit wird die Bindung der Patienten an ihre Hausarztpraxis und deren Team verstärkt: Die teilnehmende Praxis zeigt über das Angebot ihrer gut ausgebildeten VERAHs, dass sie als Team aus Ärzten und Mitarbeitern am Schicksal ihrer Patienten teilhat, und sich für ihr Wohlergehen auch in üblicherweise oder zumindest bisweilen verschwiegenen Themen engagiert. Sie tut das, indem sie einen Kommunikationsweg eröffnet, der den Patienten mittlerweile vertraut ist und von ihnen nur einen geringen Aufwand erfordert. Zugleich achtet er auf die Grenzen, die jeder um seine Privatsphäre zieht.

Literatur

  • 1 Fröhlich T (2010). Unsatisfying controller therapy in asthmatic children compared to adults in German outpatients. Allergy 65; 92, 680

  • 2 Froehlich T (2010) A condensed paediatric questionnaire for asthma, allergy, depression, migraine, smoking behavior, Allergy 65; 92, 755

  • 3 Final Recommendation Statement. Depression in Children and Adolescents: Screening. Recommendations made by the USPSTF. Annals of Internal Medicine and Pediatrics 9. February 2016. http://www.uspreventiveservicestaskforce.org/Page/Document/ RecommendationStatementFinal/depression-in-children-and-adolescents- screening1

  • 4 Sandberg S, Paton JY, Ahola S, McCann DC, McGuinness D, Hillary CR, Oja H (2000). The role of acute and chronic stress in asthma attacks in children. Lancet; 356: 982-987

  • 5 Froehlich T, Henningsen P, Miall DS, Paetzold W, Ross A (2001) The Heidelberg Outdoor Patient Asthma Study. Allergy 56; 68, 190

  • 6 Reck C, Klier CM, Pabst K, Stehle E, Steffenelli U, Struben K et al. (2006). The German Version of the Postpartum Bonding Instrument: Psychometric Properties and Association with Postpartum Depression. Archives of Women's Mental Health 9; 265-271

  • 7 Froehlich T, Allen J, Rapee R, Sandberg S (2010) Check of Life Events in Childhood Based on an Established Interview for Psychosocial Assessment of Childhood Experiences – German Version. Allergy 65; 92, 308

  • 8 Der Hausarzt, Sonderheft 20. März 2015. Familienmedizin.www.medizinundmedien.eu/kindervorsorge

  • 9 Fröhlich T (2010). Passagerer gastro-ösophagealer Reflux als Ursache anhaltenden nächtlichen Hustens sowie weiterer Symptome. Atemwegs- und Lungenkrankheiten 36;2,54

Mögliche Interessenkonflikte: Der Autor hat keine deklariert.

Machbarkeitsstudie zum Heidelberger Fragebogen

In einer familienmedizinisch orientierten, erweiterten Machbarkeitsstudie wird die Anwendung des Heidelberger Fragebogens in der Praxis geprüft. Die Studie richtet sich bevorzugt an die mittlerweile 8.000 VERAHs in Hausarztpraxen. Ihre Rückmeldungen sind der Schlüssel zum Erfolg der Studie. Die Teilnahme ist kostenlos. Sie wird mit immateriellen Gütern entlohnt: Patientenmotivation, Patientenbindung, Wertschätzung für Patienten und Team. Zielgruppe der erweiterten Machbarkeitsstudie sind Hausarzt- und Familienmedizin-Patienten aller Altersstufen – vom Säugling bis zum Greis, wobei die Fragen, die Kinder betreffen, von deren Eltern beantwortet werden.

Weitere Informationen

Wie können Hausarztpraxen teilnehmen? Einfach auf medkids.de gehen. Ihre Anfrage geht an den Studienkoordinator.

Wo gibt es weitere Informationen? Unter 0 62 23/ 9 52 20 (Team Praxis Fröhlich) und unter sympeo.de

Wissenschaftliche Fragen? Unter researchgate.net – hier finden Interessierte die Veröffentlichungen unter dem Namen des Autors.

(Dr. med. Thomas Fröhlich)

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