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HZV: Die Patienten merken, dass man mehr Zeit hat

Auf dem 50. DEGAM-Kongress in Frankfurt standen Vertreter der Vertragspartner zusammen mit Wissen-schaftlern einem interessierten Publikum Rede und Antwort zum Thema HZV.

Ein Teilnehmer – bis vor kurzem als Hausarzt auf der Schwäbischen Alb tätig – brachte es mit seiner Wortmeldung auf den Punkt: "Die HZV hat mich in den letzten Jahren aus der Resignation herausgerissen!" Es sei ihm möglich gewesen, "wieder eine vernünftige Therapie anzubieten", ohne das Gefühl zu haben, sich ständig in einem Hamsterrad zu bewegen. "Die Patienten merken, dass man mehr Zeit hat und sich für ihre Probleme interessiert."

Vorteile für Hausärzte und Patienten

Diese Erfahrungen bekräftigte Dr. Berthold Dietsche, Vorsitzender des Hausärzteverbandes in Baden-Württemberg: Die vereinfachte Abrechnung, mehr Planungssicherheit, eine deutlich höhere Vergütung und eine bessere Koordination kommen bei Arzt und Patient gut an. Hinzu komme die bessere Teamorientierung in den Praxen, die durch den VERAH®-Einsatz in der HZV gefördert wird.

Besonders stolz sei er, dass es gelungen ist, ein verbindliches Einschreibesystem zu verwirklichen.

Ein wesentliches Element der HZV sei auch die Verpflichtung für die teilnehmenden Kollegen, regelmäßig unabhängige Fortbildungsveranstaltungen zu hausärztlichen Themen zu besuchen. "Vier Fortbildungen pro Jahr sind Pflicht. In der Realität liegt die Teilnahme aber deutlich höher", freute sich Dietsche.

Nachwuchsgewinnung wird leichter

Eine zentrale Herausforderung ist das Thema Praxisnachfolge, denn jeder dritte Hausarzt im Ländle ist älter als 60 Jahre. Dietsche zeigte sich jedoch optimistisch. Dank der besseren wirtschaftlichen und organisatorischen Bedingungen durch die HZV sowie der Initiative "Perspektive Hausarzt" sei inzwischen eine Trendumkehr erkennbar.

Das bestätigte Professor Joachim Szecsenyi, Leiter der Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung an der Universität Heidelberg. Die strukturierte Verbundweiterbildung, die in Baden-Württemberg inzwischen 600 Ärzten zugutekommt, trage erste Früchte. Das Zusammenspiel von HZV und Verbundweiterbildung fördere die Motivation bei den jungen Kollegen für den Hausarztberuf. "Wir durchschreiten die Talsohle und haben Ende September bereits mehr Facharztprüfungen als im gesamten letzten Jahr", berichtete Szecsenyi. Für 2017 erwarte er rund 200 neue Facharztanerkennungen in der Allgemeinmedizin.

Ärzte und Kassen sind in der Pflicht

Bundesweit sind rund sechs Millionen Versicherte in HZV-Verträge eingeschrieben, davon 4,25 Millionen in Vollversorgungsverträgen nach dem Vorbild in Baden-Württemberg. Nach Ansicht von Eberhard Mehl, dem Hauptgeschäftsführer des Deutschen Hausärzteverbandes, ist die HZV dort so erfolgreich, weil es sich um einen Vollversorgungsvertrag mit angeschlossenen Facharztverträgen handelt. "Und überall, wo wir Vollversorgungsverträge haben, zeigen sich bessere Ergebnisse hinsichtlich der Versorgungsqualität", so Mehl. Deshalb sei es auch so wichtig, die HZV weiter "in die Fläche" zu bringen. "Wir müssen die Einschreibezahlen deutlich steigern. Das geht nur mit den Ärzten", so Mehl. Und: "Nur mit intelligenten Verträgen können wir den Versorgungs-Tsunami meistern, der angesichts einer älter werdenden Gesellschaft auf uns zurollt." Mitentscheidend für den Erfolg sei dabei das Aktivitätsniveau der Krankenkassen. Hier gäbe es häufig noch ein zu starkes Beharrungsvermögen.

"Wir begrüßen die Steuerungsfunktion des Hausarztes, die durch die HZV gestärkt wird", hob der Landesvorsitzende der niedergelassenen Kardiologen Dr. Ralph Bosch hervor. So komme es in der Regelversorgung vor allem deshalb immer wieder zu langen Wartezeiten, weil Patienten ungesteuert direkt zum Facharzt gehen.

Die bessere Zusammenarbeit von Hausärzten und Kardiologen zeige sich beispielsweise bei Herzinsuffizienz und KHK wie die HZV-Evaluation bestätigt: Durch eine leitliniengerechtere Behandlung sei es bei beiden Indikationen gelungen, die Krankenhaushäufigkeit deutlich zu reduzieren. "Solche innovativen Strukturen sind für uns Ansporn", sagte Bosch mit Blick auf fünf Jahre Erfahrung mit dem Kardiologie-Vertrag.

Angesprochen auf die aktuelle Position des Bundesverbandes der Kardiologen nach einer stärkeren Übernah- me von hausärztlicher Grundversorgung durch Kardiologen, war seine Position klar. Das sei eher eine notwendige Reaktion auf Versorgungsengpässe in strukturschwachen Regionen und keine "Verdrängungsstrategie", so Bosch. Dort, wo die Zusammenarbeit zwischen Hausärzten und Spezialisten wie in Baden-Württemberg funktioniert, gebe es solche Engpässe nicht.

Nachhaltige Versorgung sicherstellen

Durch die Selektivverträge werde den Versicherten auf freiwilliger Grundlage eine qualitativ hochwertige Versorgung als Alternative zur Regelversorgung geboten, verdeutlichte der Vorstandsvorsitzende der AOK Baden-Württemberg Dr. Christopher Hermann. "Wir sehen uns als AOK mitverantwortlich für die Gestaltung der Versorgung", sagte Hermann und verwies auf den finanziellen Aufwand, den die Kasse dafür leistet. "Wir reden inzwischen über mehr als eine halbe Milliarde Euro pro Jahr", erklärte der Kassen-Chef.

Dass sich die Ausgaben lohnen, beweisen die mittlerweile drei Evaluationsberichte, die – bei höherer Effizienz – für Patienten bessere Versorgungsergebnisse und für Ärzte eine höhere Arbeitszufriedenheit belegen, so Hermann. Die 1,5 Millionen eingeschriebenen AOK-Versicherten sind im Durchschnitt etwa zehn Jahre älter. "Das sind die Älteren, die Kranken, die Multimorbiden, die eine gute Versorgung brauchen", sagte Hermann. "Für diese Menschen übernehmen wir Verantwortung, um die Versorgung auf Dauer nachhaltig sicherzustellen."

Eine Frage aus dem Publikum ließ er allerdings unbeantwortet: "Warum gibt es noch so wenige Nachahmer?", wollte eine Teilnehmerin wissen. "Dafür bin ich nicht der richtige Ansprechpartner", erwiderte Hermann und betonte zugleich: "Wir sind auf dem richtigen Weg!"

(Jürgen Stoschek)

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