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Schweden: Teamarbeit durch Triage

Neben Kanada ist auch ein Blick nach Schweden interessant. Auch bei dem Versorgungsmodell, das Andy Maun, Facharzt für Allgemeinmedizin und Versorgungsforscher am Uniklinikum Freiburg, vorstellte, steht der Teamansatz im Fokus. Maun war zwölf Jahre im schwedischen Gesundheitssystem tätig, unter anderem als Mitglied des schwedischen Qualitätsrates für Allgemeinmedizin und als Mitglied im Lenkungsrat für die Schaffung eines nationalen Qualitätsregisters in der Allgemeinmedizin.

Schweden hat 9,8 Millionen Einwohner, das staatliche Gesundheitssystem wird regional gesteuert. Es kommen 4,1 Ärzte auf 1.000 Einwohner (im Vergleich: in Deutschland sind es 4/1.000). Ein Allgemeinmediziner hat ungefähr 2.000 Einwohner zu versorgen. Er erhält in den meisten Fällen keine Vergütung pro Besuch, sondern jährlich eine Summe pro gelisteten Einwohnern (Kapitation), die die Praxis zu versorgen hat. Die Schweden suchen im Schnitt dreimal jährlich einen Arzt auf, die Hälfte dieser Besuche findet beim Hausarzt statt; in Deutschland sind es, je nachdem wie man misst, zwischen zehn und 18 Besuchen pro Jahr. Nur 16 Prozent der Ärzte sind dort Hausärzte. Auch in Schweden habe man ein Modell entwickelt, um die Last der Versorgung auf mehr Schultern als die ärztlichen zu verteilen, berichtet Maun. "In Teamarbeit wurde in der Praxis ein Modell entwickelt. Es wurde ein Triagesystem entwickelt (auf Grundlage des Manchester Triage-Systems in der Notfallversorgung), das so abgewandelt wurde, dass eine Krankenpflegerin alle Patienten triagiert und je nach Bedarf an verschiedene Professionen weiterleitet." Dabei kommen die Patienten entweder in die normale ärztliche Sprechstunde oder werden in die sortierte Drop-in-Sprechstunde bei anderen Professionen zugeteilt.

Je nachdem, welche Beschwerden sie schildern, treffen sie anstelle des Hausarztes direkt den Psychologen, Ergo- oder Physiotherapeuten. Auch sogenannte District Nurses, die beispielsweise Routinekontrollen bei Chronikern durchführen und chronische Wunden behandeln, stehen zur Verfügung. Sie sind approbierte Gesundheitskräfte, wodurch Aufgaben nicht delegiert werden müssen, weil sie ein Behandlungsrecht haben. Die Patienten können jederzeit zusammen mit einem Arzt behandelt werden, wenn die anderen Leistungserbringer an die Grenzen ihrer Kompetenz stoßen. Einmal im Monat diskutiert das Team, ob alle Patienten richtig sortiert werden. "Es ist ein kontinuierlicher Prozess. Klappt alles, oder was müssen wir anders machen?", sagt Maun.

Fazit

Das Ergebnis des Modellprojektes war, dass die Ärzte mehr Zeit für die zu ihnen triagierten Patienten hatten und andere Professionen einige Aufgaben übernehmen konnten. Personalressourcen und die Kompetenzen im Team wurden effektiver genutzt. Der Zugang zur Praxis, das ursprüngliche Ziel der Maßnahmen, wurde erhöht. Die Patienten waren laut Befragungen zufrieden mit dem System, ebenso die Mitarbeiter. Im Vergleich mit der regelmäßigen Befragung aller öffentlichen Praxen in der Stadt hatte das Modell die beste Verbesserung bei der Mitarbeiterzufriedenheit. Andy Maun: "Alle Mitarbeiter wurden einbezogen, das ist wichtig. Es gab auch Leute, die gegangen sind, dafür kamen andere. So ein Modell muss mit dem Team entwickelt werden, man kann es nicht einfach als Zehn-Punkte-Plan umsetzen."

Es gibt jedoch Hindernisse, dieses System direkt auf Deutschland zu übertragen. Zum Beispiel der unterschiedliche Qualifikations- und Spezialisierungsgrad der Pflegekräfte und der strukturelle Unterschied, dass dort alle beteiligten Professionen approbiert sind. Deswegen müsste ein angelehntes System an die hiesigen Voraussetzungen angepasst werden.

Quelle: "Innovative Versorgungsmodelle", DEGAM-Kongress, 30.9.16 in Frankfurt

(Jasmin Andresh)

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