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"Kompetenzen kann man nicht schriftlich messen"

Ärzte statt Multiple-Choice-Ausfüller: Im Medizinstudium sollen künftig Kompetenzen, statt reines Wissen vermittelt werden. Für die Allgemeinmedizin gleichermaßen Chance und Herausforderung.

"Wir wollen Ärzte und keine Multiple-Choice-Ausfüller", brachte GHA-Vorsitzender Dr. Andreas Graf von Luckner das Ziel einer kompetenzbasierten Ausbildung von Medizinstudierenden und Ärzten in Weiterbildung auf den Punkt. Der NKLM (Nationale Kompetenzbasierte Lernzielkatalog) ist nach langen Diskussionen endlich verabschiedet, der Masterplan Medizinstudium 2020 steht kurz vor dem Zieleinlauf und die Überarbeitung der Musterweiterbildungsordnung nimmt Fahrt auf - ist doch alles bestens?

Nicht ganz, wurde beim 41. Symposium der Gesellschaft der Hochschullehrer für Allgemeinmedizin (GHA) deutlich. Zwar bekennen sich die Hochschullehrer klar dazu, dass in Studium und Ausbildung künftig mehr Kompetenzen vermittelt werden sollen. Doch wie dies gelehrt und später geprüft werden kann, gibt ihnen noch Rätsel auf. Um Ideen und Ansätze auszutauschen, stand ihr Treffen dieses Jahr unter dem Motto "Kompetenzbasierung in der Lehre - wo steht die Allgemeinmedizin?".

In einem sind sich Lehrende wie Lernende einig: Man will weg vom wissensbasierten hin zum kompetenzbasierten Arzt. Das bestätigte auch Raffael Konietzko von der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd). Nach seiner Ansicht kommen der Umgang mit den Patienten und das Finden einer Diagnose aus einem breiten Spektrum von Möglichkeiten, wie es typisch für die Allgemeinmedizin ist, im bisherigen Curriculum zu kurz. Gerade die Allgemeinmedizin biete Studierenden die Chance, sich viele Fähigkeiten praktisch anzueignen. Die bvmd plädiert dafür, die Allgemeinmedizin longitudinal ins Studium einzubinden - Studierende sollen also immer wieder in die Allgemeinmedizin zurückkehren.

Schnittstellen deutlich machen

Untersuchungstechniken könnten beispielsweise erst in Skills Labs lernen, bevor sie in den Praxen hospitieren. Zudem forderte er die Hochschullehrer auf: "Identifizieren Sie Schnittstellen zu anderen Fächern." Als Studierender sei es nämlich nicht einfach zu filtern, welches Faktenwissen aus dem breiten Angebot später für die ärztliche Tätigkeit wirklich relevant sei. Sein Vorschlag: In der Allgemeinmedizin soll jeder Student die Basiskompetenzen und Zusammenhänge erlernen, die dann in den Spezialfächern erweitert werden.

Das eine sind die Lehrinhalte, das andere ist deren Kontrolle. "Wenn man auf Kompetenzorientierung umstellt, muss die Prüfung angepasst werden", sagte Dr. Christian Schirlo von der Uni Zürich. Aus eigener Erfahrung berichtete er, dass "Anwenderwissen" gut mit Fallskizzen und Schauspieler-Patienten kontrolliert werden könne. Ähnlich sah es Prof. Jana Jünger, die das Institut für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP) leitet. "MC-Fragen sind gut geeignet, um untere Stufen von Wissen zu erfassen. Aber Kompetenzen kann man schriftlich nicht messen."

Jünger zufolge wäre es wünschenswert ambulant wie stationär auch "Prüfungen am Patientenbett" zu etablieren. Damit könnten folgende Fähigkeiten praktisch abgefragt werden: Anamnese und körperliche Untersuchung mit dem Patienten, Übergabe an einen ärztlichen Kollegen (stationär wie ambulant), Erstellung eines Patientenberichts und Übersetzung des Berichts in einen für den Patienten verständliche Sprache. "Wenn man das kann, zeigt man, dass man viele Kompetenzen beherrscht", so Jünger.

Studierende sehen nicht nur Spezialfälle

Die Allgemeinmedizin ist nach DEGAM-Präsident Prof. Ferdinand Gerlach aus vielen Gründen sehr geeignet, um Studierenden zentrale Kompetenzen zu vermitteln. Anders als in Kliniken eigneten sich sehr viele Patienten in der Allgemeinpraxis auch für die Ausbildung. Das Spektrum sei breiter und Studierende bekämen dadurch nicht nur Spezialfälle zu Gesicht, sondern lernten eben auch Frühstadien von Erkrankungen und die Langzeitbetreuung kennen. "Auch Impfen können Studierende ausschließlich in ambulanten Praxen lernen", sagte Gerlach, ebenso Früherkennungsuntersuchungen, Hausbesuche oder die Versorgung von Patienten in Pflegeheimen.

Zuletzt macht er den Allgemeinmedizinern auch Mut: Zwar kämen mit dem Masterplan Medizinstudium 2020 auch einige neue Aufgaben hinzu. So brauche es schätzungsweise 2.500 neue Lehrärzte. Die allgemeinmedizinischen Lehrpraxen seien dafür aber gut aufgestellt und qualifiziert. "Die Umsetzung wird nicht an zu wenigen Praxen scheitern!", zeigte sich Gerlach überzeugt.

Praxiskompetenzen

"Welche Kompetenzen haben sie nur in allgemeinmedizinischen Praxen erworben?" Auf diese Frage antworteten die Teilnehmer:

  • Trommelfell beurteilen

  • Impfen

  • Hausbesuche

  • Langzeitversorgung chronisch kranker Patienten

  • Entscheidungsfindung in kurzer Zeit

  • Umgang mit sozialen Fragen in Zusammenhang mit dem Arbeitsplatz

  • Zusammenarbeit mit anderen Fachärzten und Apothekern

  • Rezept ausfüllen

(J. Dielmann-von Berg)

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